Genesungsbegleitung ins Team holen: Was vor dem ersten Einsatz geklärt sein sollte

Eine Genesungsbegleiterin einzustellen, kann ein wichtiger Schritt sein. Ob ihre Perspektive im Alltag wirklich etwas verändert, zeigt sich oft an unscheinbaren Stellen: Sitzt sie in der Teambesprechung mit am Tisch? Kann sie einer Einschätzung widersprechen? Und was geschieht mit einem Einwand, wenn er nicht in die gewohnte Arbeitsweise passt?
Ich arbeite selbst als Genesungsbegleiterin in der ambulanten Assistenz und erlebe in Fortbildungen, wie unterschiedlich Teams über Recovery sprechen. Für Kliniken und psychosoziale Einrichtungen ist deshalb schon vor dem ersten Einsatz eine Frage entscheidend: Welchen Platz soll Erfahrungswissen bei uns tatsächlich bekommen?
Die Rolle gemeinsam klären
Welche Aufgaben übernimmt die genesungsbegleitende Person? An welchen Besprechungen nimmt sie teil, welche Informationen braucht sie für ihre Arbeit und an wen wendet sie sich bei schwierigen Situationen? Solche Fragen gehören vor dem Start auf den Tisch – mit der künftigen Kollegin oder dem künftigen Kollegen, nicht nur über sie oder ihn.
Zur Rollenklärung gehört auch, was niemand erwarten darf: dass eine Person die Sicht aller Menschen mit Krisenerfahrung vertritt oder ihre eigene Geschichte jederzeit erzählt. Persönliche Offenheit kann in einer Begleitung hilfreich sein. Ob und wie sie eingesetzt wird, braucht fachliche Entscheidung und die Freiheit der genesungsbegleitenden Person. Mehr über diese Wissensform beschreibe ich auf der Seite Erfahrungswissen.
Mit am Tisch heißt: mitdenken und mitreden können
Ein Beispiel: Ein Mensch lehnt ein Angebot mehrfach ab. Im Team entsteht die Einschätzung, er sei nicht motiviert. Die genesungsbegleitende Perspektive kann eine andere Frage einbringen: Wie hat dieser Mensch frühere Hilfen erlebt? War das Ziel überhaupt sein eigenes? Gab es eine Wahl, die sich für ihn wie eine echte Wahl angefühlt hat?
Diese Fragen ersetzen keine fachliche Einschätzung und heben Risiken nicht auf. Sie erweitern die gemeinsame Betrachtung. Dafür braucht es eine Teamkultur, in der unterschiedliche Sichtweisen ernsthaft geprüft werden – auch dann, wenn sie den Ablauf zunächst komplizierter machen. Wie sich Recovery-orientierte Haltung in solchen Situationen zeigt, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben.
Unterstützung gehört zur Rolle dazu
Wer Erfahrungswissen professionell einbringt, braucht verlässliche Arbeitsbedingungen: eine verständliche Aufgabenbeschreibung, Ansprechpersonen, Einarbeitung, regelmäßige Reflexion und Zugang zu den für die eigene Arbeit nötigen Informationen. Auch das Team braucht Raum, Unsicherheiten und Erwartungen anzusprechen. Welche Fragen darf ich stellen? Wo überschneiden sich Aufgaben? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Einschätzungen um?
Eine systematische Übersichtsarbeit zur Einführung von Peer Support in psychiatrischen Diensten nennt unter anderem klare Rollen, eine offene Organisationskultur und die Vorbereitung von Fachkräften und Peer-Mitarbeitenden als wichtige Faktoren. Diese Punkte lassen sich nicht mit einer einzigen Fortbildung abhaken. Sie müssen im Alltag getragen werden.
Fünf Fragen vor dem Start
- Welche Aufgaben und Entscheidungsspielräume hat die genesungsbegleitende Person konkret?
- An welchen Stellen des Arbeitsalltags wird ihre Perspektive gehört – und was passiert anschließend mit ihr?
- Wer übernimmt Einarbeitung, fachlichen Austausch und regelmäßige Reflexion?
- Wie sprechen wir im Team über Selbstbestimmung, Risiken und unterschiedliche Ziele?
- Woran würden die begleiteten Menschen merken, dass ihre Sicht mehr Gewicht bekommen hat?
Für mich liegt darin der Kern: Genesungsbegleitung wirkt nicht schon dadurch, dass sie im Organigramm steht. Sie braucht Beziehungen, Handlungsspielraum und ein Team, das bereit ist, die eigene Arbeit mit einer zusätzlichen Perspektive zu betrachten.
Recovery gemeinsam in die Praxis bringen
Wenn ihr diese Fragen im Team vertiefen möchtet, gestalte ich Schulungen, Workshops und Teamtage passend zu eurem Arbeitsfeld. Für Kliniken und Einrichtungen gibt es außerdem unsere Fortbildung zum Recovery-Coach, die ich im Tandem mit Ingo Tschinke oder Peter Roddau anbiete.
Weiterführende Forschung: Systematische Übersicht zur Einführung von Peer Support in psychiatrischen Diensten.



